Über England

Über England, über mich und über unsere Beziehung.


About a country

Man mag sich schnell anpassen und den englischen Lebensstil genießen lernen, doch jeder, der bereits längere Zeit in diesem Land gelebt hat, wird mir in einem Punkt zustimmen: die Eigenwilligkeit der Engländer sorgt zuverlässig dafür, dass man sich auch nach einem Jahr noch regelmäßig über Dinge wundert – obwohl man meint, Land und Leute mittlerweile vollständig zu kennen. Die sprichwörtliche Deutsche Gründlichkeit ist zwar auch auf der Insel bekannt, doch nicht umsonst gibt es keine Englische Gründlichkeit. Der Dschungel der Bürokratie dagegen steht dem Unseren in nichts nach, ist aber manchmal noch haarsträubender.

Grundsätzlich ist wohl die wichtigste Voraussetzung für ein glückliches Ein- und Überleben in England, dass man die Gelassenheit und Geduld der Briten, annimmt. Sachen akkurat, zuverlässig und schnell zu erledigen gehört nunmal nicht zur Kultur. Take it or leave it. Ebensowenig will man Dinge ständig optimieren und immer weiter optimieren. Stattdessen pflegt man Etabliertes und kommentiert Disfunktionalitäten mit einem Schulterzucken und einem gezischten „Typical!“. Diese Beobachtung habe ich mir an dieser Stelle geborgt von Kate Fox aus ihrem Buch „Watching the English“(ISBN: 0340818867) – welches ich an dieser Stelle einmal wärmstens empfehlen möchte.

Meine Theorie ist, dass die allgegenwärtige Freundlichkeit, oft eher schon Kameradschaftlichkeit, mit der die Briten einander begegnen, sich über die Zeit als überlebenswichtiges Sozialverhalten entwickelt hat. Sie verbessert die Grundstimmung und erzeugt eine gewisse Gemütlichkeit, die es überflüssig erscheinen lässt, sich über Kleinigkeiten aufzuregen und ständig Dinge verbessern zu wollen. Ohne dieses typisch englische Verhalten gäbe es nämlich kein natürliches Mittel zur Verhinderung eines offenen Krieges zwischen Bürgern, Dienstleistern und Ämtern. Diese Stimmung der Freundlichkeit betäubt so manchen Frust und schafft die Grundvoraussetzung dafür, nach Feierabend am Tresen mit einem Kumpel oder einem beliebigen Fremden über alles was schief läuft im Land zu diskutieren – oder einfach nur über Fußball. Im Pub ist die Welt nämlich in Ordnung. Immer.

Das klang etwas beängstigend? Sorry, das sollte es nicht und ist es auch nicht. Denn England ist schön. Wahnsinnig schön. Ein guter Kumpel, der sofort Freundschaft mit einem schließt und eine Runde ausgibt, so lange man mitlacht, wenn er sich mal wieder ein bisschen über "the Führer" und die Deutschen im Allgemeinen lustig macht. Ein Kumpel, der einfach nur ein gewisses Maß Anpassungsfähigkeit und Flexibilität verlangt und dafür eine Menge Schönes parat hält: urige Städte, gemütliche Pubs, lecker Bier, viel Freundlichkeit, endlose single-track roads durch grüne Landschaften, nette Leute, Lebensfreude und mindestens 476 weitere Gründe dort zu leben. England ist ein Kumpel, dem man seine vielen kleinen Macken und die gelegentlichen neurotischen Anfälle immer wieder gerne verzeiht, weil es so schön ist in seiner Gesellschaft, und weil man ihn zu sehr vermissen würde.

Come, wonder, enjoy – cheers, mate!



About a boy

Bis Sommer 2003 kannte ich England nur von einem mehrtägigen Schüleraustausch mit der Partnerstadt Southampton. Es war schön damals, hinterließ aber keinen bleibenden Eindruck. Das sollte sich einige Zeit später ändern.

Ich ging für ein Jahr zum Studieren nach Lincoln, einer schönen, relativ kleinen Universitätsstadt in den East Midlands. So zog ich mit Sack und Pack und vier deutschen Kommilitonen dort in eine WG. Es sollte eines der besten Jahre meines Lebens werden. Ich habe damals England lieben gelernt wegen seiner Freundlichkeit, Gemütlichkeit, Urigkeit. Wegen den Landschaften, dem Städtebild, den Pubs, dem englischen Fernsehen und einfach weil es nie langweilig wurde – egal ob man die Insel per Auto erkundete oder einfach nur ins Pub ging. Ach die Pubs... so schön urig und vollgestopft mit den leckersten Bieren. Die traditionellen englischen Bitters und Ales mochte ich damals zwar noch nicht, doch wie ich heute weiß, brauchen die Geschmacksknospen dafür einfach nur eine längere Gewöhnungszeit.


Rückblickend muss ich sagen: Wenn einem daran gelegen ist, Land und Leute kennen zu lernen und zu verstehen, dann sollte man möglichst nicht mit Seinesgleichen zusammen wohnen. Die verschiedenen Nationalitäten an der Uni bildeten Cliquen, unter denen recht wenig Austausch und Vermischung stattfand. Es ist halt zu einfach, sich mit den eigenen Landsleuten abzugeben. So lange man seine vertraute soziale Umgebung hat, gibt man sich keine Mühe, sich mit anderen anzufreunden, mit denen alleine schon die Kommunikation schwieriger wäre. Das war damals sozusagen England aus nachbarschaftlicher Distanz. Ich sah Land und Leute, aber ich lebte nicht mit Ihnen.

Interessant war aber auch zu sehen, wie die Anderen Deutschen England aufnahmen. Den einen gefiel es ebenso gut wie mir (manche sind sogar gleich ganz dort geblieben – die Liebe, ein Job, was es so an Gründen gibt), andere wiederum waren froh nach dem einen Jahr abhauen zu können. Auch ich selbst bin nach dem Studiums-Abschluss wieder nach Deutschland zurückgekehrt, allerdings mit einem weinenden Auge.

Ein Jahr später, im Dezember 2005 zog es mich wieder über den Kanal für eine einjährige Traineestelle in High Wycombe etwa 30 km nord-westlich von London, im County Buckinghamshire. Ich zog in eine nette 4er WG im Nachbarort Marlow. Die Mitbewohner konnte ich vom ersten Moment an als Freunde bezeichnen. Diesmal wurde es eine vollkommen englische England-Erfahrung: wohnen mit den Briten, leben mit den Briten, trinken mit den Briten und arbeiten mit wenigstens einigen von ihnen. Schnell war ich Stammgast in einem der vielen urigen Local Pubs und kannte die Locals. Ich wurde auch immer englischer. Ich begann eine Vorliebe für traditionelle Real Ales und Bitters zu entwickeln und dabei meinem geliebten Guinness sehr untreu zu werden. Es passt halt auch einfach mehr rein von diesen Ales und Bitters. Sie sind leichter (aber nicht schwächer) und milder als Stout oder Lager. Ich fing auch an, am Wochenende öfters mal nach dem Ausschlafen ein dickes Fry-Up (Spiegelei und gebratener Speck auf Toast) als Frühstück zu kochen. Ich gewöhnte mich so sehr ans englische Autofahren dass ich mich konzentrieren musste, wenn ich einmal wieder in Deutschland hinterm Steuer saß. Ich ertappte mich auf Deutschlandaufenthalten dabei, mich häufiger zu entschuldigen und zu bedanken als ich es früher getan habe. Und Teetrinker wurde ich auch. Ich mochte Tee nicht besonders, aber wenn man so oft von den Mitbewohnern gefragt wird, ob man "a cup of tea" möchte, fängt man irgendwann an „ja“ zu sagen - und irgendwann auch, es zu mögen. Gruppenzwang im positiven Sinn.

Alles in allem lebte ich mich so gut ein, dass die job- und beziehungsbedingte Rückkehr nach Deutschland nach einem Jahr nicht leicht fiel. Seit diesem Jahr jedenfalls habe ich mich endgültig irrational in Großbritannien verliebt. Muss man mal so feststellen. Alles was britisch ist, finde ich toll. Allein der Anblick eines Union Jack löst Glücksgefühle aus. Mit ein paar Ex-Mitbewohnern bin ich immernoch befreundet und mein Spitzname „the Kraut“ wurde relativ bald ausgebaut zu „the anglophile Kraut“. Tja, was soll ich sagen. Aus dieser Affinität rührte auch meine Motivation, diese Website zu machen, um Anderen den praktischen und emotionalen Zugang zu diesem Land zu erleichtern. (Auch wenn die Seite zwischendurch eine kleine Ewigkeit lang offline war, aber das ist eine andere Geschichte. Sie handelt von menschlichem Versagen und Faulheit und ist total langweilig.)

Ein erneutes Auswandern ist zwar derzeit nicht geplant, aber keinesfalls abwegig. Ich glaube, dieser Gedanke wird nie aufhören in meinem Hinterkopf herum zu spuken, so lange, bis es doch endlich wieder passiert.